Kaum hat das neue Jahr begonnen, geht der Streit auf der Insel über die Haushaltsausgaben der Regierung Cameron weiter. Die britischen Zeitungen sind voll mit Balkendiagrammen und Statistiken und rechnen auf den Penny genau vor, was, wann und wo für ein Feuerwehrauto ausgegeben wurde und wie sich das künftig im neuen Haushalt gestalten soll. Ein ebenso großes Thema ist die Planung eines neuen Hochgeschwindigkeitszuges, der das eher ans 19. Jahrhundert erinnernde Bahnsystem verjüngen soll und übrigens aus dem Hause Siemens kommt. Schwerpunkt der Auseinandersetzung sind die Baukosten für Brücken und Tunnel, die Voraussetzung für die Fahrt des deutschen „Sprinters“ sind.
Was sind schon 9000 Pfund?
Es scheint fast so, als seien die Proteste gegen die gestiegenen Studiengebühren schon längst verhallt, denn das Land hat ja mit neuen Schnellzügen und Feuerwehrautos schließlich wichtigere Themen als eine läppische Verdreifachung der Kosten, welche die Studenten jedes Jahr aufbringen müssen, um an Seminaren teilzunehmen und um Zugang zu einer Bibliothek zu erlangen. Dass Studieren somit für die Mehrheit der Bevölkerung zu einem absoluten Luxus geworden ist, ist dem Kabinett Cameron vielleicht bewusst, aber in jedem Fall völlig akzeptabel. Was sind schon 9000 Pfund im Jahr für eine staatliche Universität?
Die politische Elite dieses Landes funktioniert wie ein altehrwürdiger Club an der Pall Mall in London. Die Chancen auf Mitgliedschaft stehen gut, wenn Sie Ihre Kindheit auf einem der übers Land verstreuten, führenden Internate verbracht haben und danach ganz selbstverständlich nach Oxford oder Cambridge gewechselt sind, wo Sie im besten Fall „Classics“ studiert haben. „Classics“ nämlich deshalb, da Sie sich für dieses Studium nur dann einschreiben können, wenn Sie bereits in Latein oder Griechisch in der Schule unterrichtet wurden. Dies wird Ihnen aber nur dann widerfahren sein, wenn Sie eine private Schulbank drückten, denn staatliche Schulen bieten in den allermeisten Fällen keinen altsprachlichen Unterricht an. Die Probe aufs Exempel lässt tief blicken: David Cameron, zuerst Eton dann Oxford; Vizepremier Nick Clegg zuerst Westminster dann Cambridge und Schatzkanzler George Osborne zuerst St. Paul’s dann Oxford. Bei Vorgängerkabinetten sah es ähnlich aus.
Demokratie braucht Chancengleichheit
Gegen exzellente Ausbildung ist nichts einzuwenden und soll weiß Gott nicht angeprangert werden. Ganz im Gegenteil, in Deutschland herrscht geradezu ein Mangel an Politikern mit hochkarätigem akademischen Profil. Problematisch wird es nur dann, wenn in einer Demokratie keine Chancengleichheit mehr gewährleistet ist und sich die politische Führung eines Landes aus immer denselben sozialen und akademischen Kreisen rekrutiert. Diese Ungleichheit hat sich in das politische Bewusstsein des Landes tief eingebrannt und somit die Schwellenangst zum Einstieg in die Spitzenpolitik erheblich erhöht. Überall ist zu vernehmen, dass es sich doch sowieso nicht lohnt, man hätte schließlich keine entsprechende Vita, um Einfluss nehmen zu können. Dieser Tenor ist nicht nur bedauernswert, sondern gefährlich. Aus ihm erwächst Unzufriedenheit, Wut und letztendlich Gewalt, wie wir im August 2011 anhand brennender und geplünderter Wohnviertel im Osten Londons beobachten konnten. Eine Kausalkette, die logisch erscheint, aber in Großbritannien immer noch parteiübergreifend geleugnet wird.
Demokratie lebt vom Pluralismus, davon, dass man durch Engagement zum Leistungsträger wird und das auch, wenn man den untersten sozialen Schichten entstammt wie z.B. Gerhard Schröder, dessen Vater Hilfsarbeiter war und Mutter sich durch Zuarbeitstätigkeiten am Leben hielt. Schröder ist ein gutes Beispiel, dass man die vom „Tellerwäscher-zum-Bundeskanzler-Karrieristen“ nicht mögen muss – aber das System, das ihnen diesen Aufstieg ermöglicht, ist von fundamentaler Wichtigkeit für das Funktionieren eines demokratischen Allgemeinwesens.
Studiengebühren in England sind eben nicht nur ein Haushaltposten zwischen Brücken, Tunneln und Leiterwagen, sondern sind Maßstab für Chancengleichheit und gesellschaftliche Durchlässigkeit, das sollte sich die Politik zu Herzen nehmen.

















Offensichtlich sind die Engländer mit den Verhältnissen doch sehr zufrieden, sonst wären sie bestimmt anders: Wozu gibt es dort demokratische Wahlen?
Lieber Herr Schuster, danke für diesen aufschlussreichen Artikel. Ihre nebenbei gemachten Ausführungen zum staatl. Normalbildungssystem passen zu den Erfahrungen, die man hier in Deutschland im Anschluss an den Pisa-Hype mit folgendem Bologna-Prozess machen durfte: die Anpassung an das angloamerikanische System führte zu elementarer Verschulung und geistiger Verarmung und weitaus seltener zur versprochenen Bereicherung.
@WMKW: Vllt. erscheint den Briten der Zusammenhang nicht evident, weil sie dann auch strukturell erhebliche Änderungen angehen müssten. Und in gewisser Weise erklärt das im Artikel dargestellte Verhältnis ja auch, dass da ein System nicht änderungswillig ist: Wer profitiert, sieht keinen Anlass zur Änderung. Wer Verlierer des Systems ist, geht vermutlich nicht zur Wahl.
Ich kann Ihren Enthusiasmus für Herrn Schusters Artikel nicht teilen. Wenn Sie meinen anderen Kommentar durchlesen, wird Ihnen auch relativ klar werden, weshalb.
Sehr verehrter Herr Schuster,
nach der Lektüre dieses Artikels komme ich leider nicht umhin, Ihnen aufzeigen zu müssen, dass Ihre Recherche im Zusammenhang mit diesem Thema reichlich ungenügend war.
Als Student in Grossbritannien, der die Kontroverse um die erhöhten Studiengebühren hautnah miterlebt, würde ich gerne drei essentielle Aspekte benennen, die der Artikel nicht benennt bzw. nur am Rande anspricht:
1. Die Tatsache, dass Grossbritannien wie kein anderes Land Europas eine Fülle an exzellenten Universitäten aufweist, die akademisch hochwertige Kurse anbieten (dazu gehören nicht nur Oxford und Cambridge, sondern auch die LSE, UCL, King’s College, Durham, etc.), mit denen sich die Hochschulen in Deutschland in den seltensten Fällen messen lassen können. Allerdings verursacht dies natürlich entsprechende Kosten, die man nicht verkennen sollte.
2. Der Staat war seit jeher schwerlich in der Lage, diese Universitäten aus eigener Tasche zu bezahlen und gerade zum jetzigen Zeitpunkt, da Grossbritannien sich mit einem enormen Staatsdefizit konfrontiert sieht, musste der Staat einige Abstriche bei der finanziellen Unterstützung im Bildungsbereich vornehmen. Die erhöhten Studiengebühren dienen nicht der Befriedigung staatlicher Gier, sondern schlicht der Instandhaltung des hohen Niveaus an den einzelnen Universitäten.
3. Es wurden bereits äusserst grosszügige Unterstützungsprogramme für Studenten aus minderbemittelten Familien (auch von staatlicher Seite) ins Leben gerufen, die den Studenten Kredite zu sehr fairen Konditionen anbietet (Abbezahlung erst nach Vollendigung des Studiums, sowie eines Jahreseinkommens von £21,000, bei monatl. Raten von £15-30).
Allein aus diesen drei Fakten, lässt sich bereits ableiten, dass das britische Studiengebührensystem bei Weitem nicht derart elitär ist, wie stets behauptet, und durchaus Auffangmechanismen für monetär minderbemittelte Studienanfänger bereithält.
Nebenbei bemerkt möchte ich hinzufügen, dass Grossbritanniens Hochschulsystem viel strengere Numerus-Clausus-Massstäbe an den Tag legt, als in Deutschland, was mit ein Grund ist, weswegen die Lernqualität an britischen Universitäten, wie erwähnt, die vieler deutscher Institute bei Weitem übertrifft.
Sehr geehrter Herr “Gladstone”,
haben Sie besten Dank für Ihre Schilderungen. Leider verkennen Sie die Tatsache, dass das primäre Problem des britischen Bildungssystems keineswegs die akademische Qualität ist, sondern die Förderung einer massiven sozialen Ungleichheit im Land. Ich bin ganz auf Ihrer Seite, wenn sie sagen, dass die erhöhten Studiengebühren nicht der Befriedigung staatlicher Gier dienen, sondern der Instandhaltung des hohen Niveaus an den einzelnen Universitäten. Aus akademischer Sicht ist dies auch sehr zu befürworten, aber es darf nicht verkannt werden, dass Universitäten ganz egal welchen Rang sie im internationalen Ranking bekleiden, auch eine soziale und gesellschaftliche Verantwortung tragen.
Die von Ihnen als “äußerst großzügige Unterstützungsprogramme” angepriesenen Stipendien sind leider pure Augenwischerei und haben in den letzten Jahrzehnten immer weniger Abnehmer gefunden. Zu groß ist die Angst vieler, keinen unbefristeten Job zu finden und Jahrzehnte lang Kredite abbezahlen zu müssen. Diese Sorgen der weniger solventen Menschen muss man ernst nehmen. Das Ergebnis dieser Bildungspolitik, nämlich gesellschaftliche Spaltung und zunehmender Elitarismus sind allgegenwärtig. Diesen Fakt als “ungenügende Recherche” abzutun verklärt jedwede Realität.
Ihr Namensvetter William Gladstone besaß bereits im 19. Jahrhundert ein ausgeprägteres Bewusstsein dafür, dass der allgemeine Zugang zur Bildung die Grundlage für eine in sozialem Frieden lebende Solidargemeinschaft ist.
Mit freundlichen Grüßen.
Ruben Schuster