Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben. Karl Kraus

Fachkräftemangel? Selber schuld!

Solange Unternehmen sich ihre Mitarbeiter nur nach unflexiblen Kriterien aussuchen, können sie kaum auf neue Herausforderungen reagieren. Für die Zukunft kann man nicht mit der Schablone planen.

Simone Janson, Autorin und Betreiberin von berufebilder.de, beschrieb kürzlich den Traum eines jungen Mitarbeiters der Personalabteilung eines großen deutschen Unternehmens folgendermaßen: Wenn sich Unternehmen und potenzielle Bewerber auf Messen begegnen, dann solle man per Smartphone ein standardisiertes Profil an das Unternehmen senden können. Damit könne man dies umgehend mit den eigenen Anforderungsprofilen vergleichen, und man würde sehen, ob sich ein weiteres Gespräch mit dem Aspiranten überhaupt lohnt. Doch kann man dem behaupteten Fachkräftemangel so begegnen?

Passt der Bewerber in die Schablone?

Dieser Traum beschreibt den Wunsch, einen möglichst passgenauen Kandidaten für ein Anforderungsprofil in kürzester Zeit finden zu wollen. Aber ist die Fixierung auf formell belegte Qualifikationen nicht von der Angst geprägt, nichts falsch machen zu wollen? Wenn man nur Punkt für Punkt prüft, ob ein Bewerber in die von der Fachabteilung beschriebene Schablone passt, dann kann man später jegliche Schuld leicht von sich weisen. Unterstreicht man damit nicht das eigene Desinteresse an den strategischen Veränderungen des Unternehmens?

Die Veränderungen, denen Berufsbilder unterworfen sind, haben sich in den vergangenen Jahren rasant beschleunigt. Gleichzeitig ist eine Fragmentierung und Rekombination von beruflichen Aspekten zu beobachten. Am Beispiel von Automobilherstellern wird dies leicht nachvollziehbar, wenn man vergleicht, wie viele unterschiedliche, für sich als eigenständig bezeichnete, Berufe es früher dort gab und heute gibt. Dabei fallen immer wieder Berufsbilder der Automatisierung zum Opfer und ob ein heute aufkommender Beruf in zehn Jahren noch existiert, kann man kaum sagen.

Resultiert der Fachkräftemangel nicht dennoch zum Teil aus einer noch fehlenden Arbeitgeberflexibilisierung? Also einerseits die Bereitschaft, auch Menschen einzustellen, die nicht auf in fragwürdiger Form idealisierte Schablonen passen. Und andererseits die Verantwortung der Unternehmen für Mitarbeiter, von denen sie eine Spezialisierung erwarten. Wenn man sich spezialisiert, schränkt das den Focus ein, dadurch wird eine Leistungssteigerung für das erste Spezialgebiet möglich. Aber der Mitarbeiter läuft mitunter Gefahr, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden. Sobald durch Automatisierung oder strategische Neuausrichtung des Unternehmens vormals benötigte Spezialisten nicht mehr benötigt werden, schiebt man diese schon mal auf das Abstellgleis. Nur macht man sich unglaubwürdig, wenn man gleichzeitig lauthals Fachkräftemangel schreit.

Ein weiterer Punkt, warum die Unternehmen selbst am Fachkräftemangel schuld sind, ist die geringe Bereitschaft, junge Menschen überhaupt ausbilden zu wollen. „Nur 23 Prozent der Betriebe bilden überhaupt noch aus, obwohl alle Betriebe ausgebildete Fachkräfte nutzen wollen. Inzwischen gibt es mehr als 1,5 Millionen junge Menschen unter 29 Jahren ohne Berufsausbildung“, sagt der Berufsschullehrer Helmut Weick. Damit verschließen sich Arbeitgeber vor potenziellen Fachkräften.

Der Wunschtraum führt aufs Abstellgleis

Attraktive Arbeitgeber wird man künftig an einer geringen Mitarbeiterfluktuation trotz häufiger Änderung der Geschäftsstrategie erkennen können. Hier befinden sich die Unternehmen in einem Wettbewerb, der sich in den nächsten Jahren aufgrund des demografischen Wandels noch verschärfen wird, auch wenn Automatisierung die Folgen in Teilen abmildern kann. Wer möchte schon bei einem wenig attraktiven Unternehmen beschäftigt sein?

Dem eingangs erwähnten Personaler möchte man die Einsicht schenken, dass sein Wunschtraum ihn selbst schnell auf das Abstellgleis führen kann. Denn das Prüfen von formalen Kriterien erfüllen heute Maschinen schon in vielen Bereichen schneller und preisgünstiger als Menschen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    WMKW – 23.10.2011 - 15:25

    Der Autor macht es sich ein bisschen zu leicht mit seiner Schuldzuweisung. Fachkräftemangel hat auch etwas mit der Mainstream-Politik in diesem Lande zu tun: Sie leistet es sich, qualifizierten Einwanderern Arbeitsverbote auszusprechen oder ihre Abschlüsse und Berufserfahrung nicht anzuerkennen. Sie bürdet Familien unerträgliche Steuerbelastungen auf, kein Wunder, dass Kindererziehung hierzulande Luxus wird. Sie presst Familien in die Doppelverdienerrolle und in den Zwang, den Nachwuchs am besten schon nach der Entbindung in Kinderkasernen zu packen. Auf ausländische Fachkräfte braucht man da nicht zu hoffen, denn wer intelligent ist, macht einen großen Bogen um Deutschland.

  • Theeuropean-placeholder
    Andea Spruda – 23.10.2011 - 17:13

    Ich würde noch ein Stichwort hinzufügen: “Ältere” Arbeitnehmer (zu dem man schon oft ab 35-40jähriger zählt) … Ich denke, ich brauche das inhaltlich nicht weiter ausführen.

    Dann gibt es da noch das Problem des zyklischen Handelns. So folgt der Lehrerschwemme ein Lehrermangel, der Ärzteschwemme ein Ärztemangel usw. M.E. gibt es keinen Mangel an “gut ausgebildeten Fachkräften” , sondern lediglich Branchen und Tätigkeiten, in denen AKTUELL viele offene Stellen angeboten werden und man um die besten Bewerber konkurriert… Sehr viele gut ausgebildete Menschen fallen dem Downgrading zum Opfer und arbeiten oft in fachfremden Bereichen, in denen sie maßlos UNTERfordert sind, da das entsprechende Berufsbild eben gerade nicht das gesuchte ist.

    Fort- und Weiterbildung ist in vielen Unternehmen nur zu einem Schlagwort verkommen, Trainings und Seminare sind oftmals nur ziemlich seichte Chaka-Chaka Veranstaltungen, anstatt Mitarbeiter und motivierte Neueinsteiger darin unterstützt werden, ihr Wissen in Eigenregie zu erweitern. Vielen exzellenten Studienabgängern fehlt die Praxis und vielen Praktikern der theoretische Überbau bzw. das Update. Dem könnte man eigentlich als Unternehmen mit Fachkräftemangel Abhilfe schaffen. Die Investition zahlt sich sicher auf Dauer aus.

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