Mails lesen und beantworten ist gut für das Image. Markus Beckedahl

Trennungsschmerz

Die FDP ist nicht erst durch den Rücktritt Lindners anfällig für eine Übernahme durch Populisten geworden. Unser Kolumnist zieht daraus eine drastische Konsequenz.

Am 1. Januar 1999 wurde ich Mitglied der FDP. Zwölf Jahre lang habe ich in der Partei und darüber hinaus um und für liberale Antworten gekämpft. Mit dem 31. Dezember 2011 werde ich die FDP verlassen. Ich bleibe Liberaler, muss aber feststellen, dass sich meine Hoffnungen an die Partei nicht im Ansatz erfüllt haben und der durch den Mitgliederentscheid, die Schwächung des Vorsitzenden sowie den Rücktritt von Christian Lindner vorgezeichnete Weg der Partei mir keine glaubhafte Perspektive bietet, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird.

Verlorene Oppositionszeit

Es muss Januar gewesen sein, als ich nach einer politischen Abendveranstaltung noch mit einem Journalisten auf ein Bier in einer Hamburger Kellerkneipe zusammensaß und über die Politik im Allgemeinen und die FDP im Besonderen sinnierte. In vielem war man einer Meinung, aber zwei meiner Prophezeiungen wollte mein Gegenüber so nicht sehen. Es handelte sich dabei um die Voraussagen, dass Guido Westerwelle das Jahr als Parteivorsitzender nicht überleben würde und es darüber hinaus einen heftigen Richtungskampf innerhalb der FDP geben würde. Beides hat sich inzwischen bestätigt – und beides hat dieselben Ursachen, die derzeit bei der tagespolitischen Bewertung in der Presse keine Rolle spielen.

Der Mitgliederentscheid an sich und die Art, wie er diskutiert wurde, sind das Ergebnis einer verlorenen Oppositionszeit, in der es die FDP in elf Jahren, in denen sie maßgeblich von Guido Westerwelle geführt wurde, nicht geschafft hat, eindeutige Positionen zu den wichtigen Themenbereichen zu entwickeln beziehungsweise die existierenden an die sich verändernden Rahmenbedingungen anzupassen. Über Jahre habe ich davor gewarnt, dass man es sich nicht erlauben könne, sich mit Hochglanz-Marketing wählen zu lassen und erst dann auf die Suche nach Antworten auf die wichtigsten Fragen unserer Zeit zu gehen. Solange aber die Wahlerfolge auf Landes- und Europaebene anhielten, wollte man das nicht hören. Die gezielt eingesetzte Beliebigkeit taugte allerdings nicht nur dazu, für viele Wähler anschlussfähig zu sein, sondern öffnete die Partei auch für viele sehr verschiedene Menschen, die sich so eben all das in die Partei hineindefinieren konnten, was sie ganz persönlich unter liberal verstanden. Neben dem klassischen wirtschaftsliberalen Mittelständler mit einem eher konservativen Gesellschaftsentwurf fanden Mitglieder aus dem eher linksliberalen studentischen Milieu, aber auch libertäre Hardliner, die die reine Botschaft von Hayek, Mises und Co vertreten, in die Partei. Was schon zu vermuten stand: Gemeinsam haben diese Gruppen nicht allzu viel.

Mit der Wahl von Rösler und Lindner, beide bekennende Vertreter eines „mitfühlenden Liberalismus“, in die zwei wichtigsten Parteiämter, schien die Umkehr möglich, wenngleich die Aufgabe von Beginn an aufgrund der äußeren Umstände unter unglücklichen Vorzeichen stand. Die Hoffnung, dass mit Christian Lindner endlich wieder jemand am Ruder steht, der die Kapazitäten hat, wirklich nach vorne zu denken – und das auch tun werde – zerschlugen sich schon bald, blieben doch die Querschläger des alten und seit Kurzem auch des neuen Vorsitzenden nicht aus. Die Ankündigung von Rösler, der Mitgliederentscheid sei gescheitert, als dieser noch lief, war vermutlich für Christian Lindner die ganz persönliche „rote Linie“, die jeder für sich definiert und die zu überschreiten er nicht in der Lage ist, ohne seine Überzeugung dranzugeben. Für seinen Schritt gebührt ihm äußerster Respekt. Aber er taugt eben auch dazu, die FDP endgültig sturmreif zu schießen für eine Übernahme aus der liberal-konservativen Richtung. Der Masterplan, den Frank Schäffler und seine Mannen in den vergangenen Monaten ausgearbeitet haben, um die FDP zu übernehmen und zum Sprachrohr ihrer libertären Ideen zu machen, scheint derzeit besser aufzugehen, als es sich die Protagonisten selbst jemals ausgemalt haben dürften. Die Fehler der Parteiführung sind von der Art, wie sie nur unter Druck des eigenen Lagers geschehen, die Selbstbeschäftigung lähmt die „Abteilung Attacke“ seit Monaten. Die Polarisierung der Partei, ihre innere Zerrissenheit und die Lethargie vieler Mitglieder macht sie zu einem perfekten Übernahmeziel.

Liberal ist nicht gleich liberal

Wie vor diesem Hintergrund eine innerparteiliche Befriedung aussehen soll, dafür fehlt mir derzeit die Fantasie. Gerade in den vergangenen Wochen ist sehr deutlich geworden, dass liberal eben nicht gleich liberal ist, und die Überzeugungen so weit auseinandergehen, dass sie kaum noch Überschneidungen haben. Eine deutsche „Tea Party“, eine bürgerliche Protestpartei mit einem wenig großstädtisch geprägten Weltbild und Milieu, nein, das ist mit mir nicht zu machen. „Die Mitte ist frei“, das war die Überschrift der letzten Rundmail des Generalsekretärs Christian Lindner mit Blick auf den Linkskurs, den Piraten und SPD auf ihren Parteitagen eingeschlagen haben. Recht hat er. Nur wird die FDP unter dem Einfluss von Frank Schäffler nicht mehr in der Lage sein, diese Nische zu besetzen. Der genaue Ausgang des Mitgliederentscheids spielt diesbezüglich schon fast keine Rolle mehr.

Sollte ich mich irren, ich wäre glücklich, dies zuzugeben und reumütig zurückzukehren. Sollte es sich allerdings bewahrheiten, dann sollten die verbliebenen ganzheitlich liberal orientierten Köpfe sich tief in die Augen schauen und überlegen, ob sie nicht gemeinsam eine neue liberale Kraft schaffen wollen, die sich unverrückbar in der Mitte platziert. Der Bedarf wäre da, in anderen Ländern funktioniert das Nebeneinander von konservativ-liberalen und ganzheitlichen liberalen Kräften auch. Sollte sich da was tun: Ich freue mich über einen Anruf…

Update: Der FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz antwortete auf diese Kolumne mit einem offenen Brief

Leserbriefe

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    Lee Monade – 15.12.2011 - 07:17

    Sie hatten das alles also schon lange vorausgesagt? beeindruckend.

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    libertär – 15.12.2011 - 11:29

    Mögen viele diesem Beispiel folgen!

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    PasserBy – 15.12.2011 - 11:40

    @libertär
    Der Witz ist ja, dass der Autor austritt weil ihm die Partei zu sehr in eine libertäre Richtung geht. Ich kenne eigentlich nur Libertäre die aus der Partei ausgetreten sind weil es ihnen zu sehr in eine sozialdemokratische Richtung ging.

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    Sven Gerst – 15.12.2011 - 11:42

    Das Letzte was eine liberale Partei gebrauchen kann, sind Leute wie der Autor dieses Artikels, die die Deutungshoheit des Liberalismus für sich alleine in Anspruch nehmen.

    Die FDP hätte nach einem fortwährenden Mitgliederzuwachs und dem hohen Wahlergebnis bei der Bundestagswahl die Strukturen für eine Partei mit dauerhaft 10-15% schaffen müssen. Dazu gehört eine starke Verankerung der Flügel (i.d.F. klassisch Liberale , die vom Autor mit ihrem englischen Pendant libertär bezeichnet werden und Sozialliberale) innerhalb der Partei.
    Eine Partei muss auch Flügelkämpfe zulassen. Das dieser Flügelkampf in der FDP aktuell zu solchen Katastrophen führt, liegt nicht an der Existenz von starken Flügeln (die pragmatischen Sozialliberalen dominieren noch immer deutlich den Libertären oder gar einen eher schwachen nationalliberalen Flügel), sondern daran, dass man sich in der Oppositionszeit – wie vom Autor richtig angesprochen – niemals die Zeit zur wirklichen inhaltlichen Debatte genommen hat. Innerparteiliche Demokratie muss wohl auch wieder gelernt werden.

    Ich habe kein Verständnis für Parteimitglieder, die jetzt austreten. Wer eine ganzheitlich liberale Partei in Deutschland möchte, muss die FDP mitgestalten. Das liberale Grundprinzip des Kampfes um die beste Idee wird dann den Kurs regeln, aber diese Theorie wird vom Autor eh als libertär abgetan.

  • Theeuropean-placeholder
    Malte – 15.12.2011 - 12:57

    Lieber Christoph,

    als ehemaliger Juli und FDP Mitglied bin ich mal gleich beim Du. Ich erinnere mich noch, als ich 1998, vor der Bundestagswahl, mit 19 in Niedersachsen in die FDP eingetreten bin. Eine von den vorherigen Landtagswahlen gezeichnete Partei, die inhaltlich auf der Suche nach der Ausrichtung ist. Landesvorsitzender der Jungen Liberalen war damals ein gewisser Philipp Rösler.
    Die Partei selbst, so meine Wahrnehmung, befand sich in einem ziemlich angekratzten Zustand. Aber im Laufe der Zeit fand eine programmatische Erneuerung statt, auch getrieben durch die Julis und natürlich auch durch Guido Westerwelle. Ich erinnere mich noch an intensive Diskussionen auch mit Philipp, Patrick und mit vielen anderen. Es fand aber eine Erneuerung von Innen statt, programmatisch getrieben, teilweise in eine Richtung, die ich als bekennender Anhänger einer sozialliberalen Koalition (abhängig natürlich vom SPD/FDP Personal) und eher linksliberaler (finde sozialliberaler hier besser) auch nicht immer gut fand – aber wie in einer Demokratie üblich nach Beschluss auch mitgetragen habe.
    Als dann die Zeit der 18 Prozent begann, es der Partei auch in Ergebnissen wieder besser ging, kamen sie alle aus den Löchern. Die Parteifreunde, die seit 30 Jahren Mitglied sind und daher das Recht haben sich vorne auf einem Listenplatz wieder zu finden – eben weil man ja 30 Jahre dabei ist. In diesem Hype, dessen Nachwirkungen unter einem anderen Label in dem Wahlergebnis der letzten Wahl mündeten, wurde die programmatische Weiterentwicklung, zumindest nach außen hin vernachlässigt. Und das in einer Zeit zunehmenden Daten- und Informationsverkehres, einer wirtschaftlichen Unsicherheit und anderer akuter bürgerlicher Themen, die geradezu nach ur-liberalen Lösungen schreit, hat die FDP sich inhaltlich nicht weiter entwickelt – oder konnte dies nicht transportieren. Zudem kommt zum Teil ein Missmanagement von Themen und Zusammenhängen, welches in der Wahrnehmung nach Außen einfah nur dilettantisch zu nennen ist.

    Diese programmatische Erneuerung hat die Partei verfasst. Deshalb hat sie einfach keine zündenen, wahrzunehmenden Antworten auf die großen Herausforderungen. Jedes noch so komplexe Problem kann auf einen gewissen Level aggregiert mit einer einfachen Botschaft begegnet werden. Dies ist leider nicht geschehen.

    Daher wird die Partei es schwer haben, sich in der Krise zu erneuern. Es wird zunächst eine richtige Saure-Gurken-Zeit, in der sich die Partei neu aufstellen muß. Intensiver und schmerzlicher als 1998. Die Frage, und hier gebe ich Dir recht, ist, welche Kräfte dies in der Partei tun werden. Sollte es wirklich einen Shift zugunsten der zu stark markt- und wirtschaftspolitisch und weniger bürgerlich, also der eher rechtsliberal (wenn ich diesen schrecklichen Ausdruck verwenden darf) ausgerichteten Seite geben, so fürchte ich, wird es diese programmtische Erneuerung von Innen leider nicht geben. Zumindest nicht in dem Maße, wie es die Partei und auch das Land benötigt und in der ich dann noch eine politische Heimat habe.

    VG
    Malte

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