Das Video, mit dem Christian Wulff sich den „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürgern“ erklärte, dauerte 5 Minuten und 5 Sekunden, bestand aus 18 Einstellungen und 682 Wörtern und ließ keine Frage offen: Christian Wulff möchte geehrt werden als Bundesvater, der Hof hält, als aufgeklärter Absolutist, dem alle willkommen sind, die er selbst willkommen heißt. Eine solche Rolle ist in der Verfassung nicht vorgesehen. Das fünfminütige Weihnachtsvideo war deshalb eine Abdankung. Der Rest ist Privatheit.
Den König spielen immer die anderen
Unter den 18 Einstellungen ragte keine heraus. Das dürfte Programm sein. Nichts sollte den Eindruck des Egalitären stören. Achtmal sahen wir Christian Wulff in der klassischen Ikonografie, eingerahmt von einer Standarte mit Bundesadler und einem Weihnachtsbaum. Einziger Unterschied zu den Vorgängern: Wulff stand, saß nicht zwischen den beiden Pflichtrequisiten. Der Raum auf Schloss Bellevue, in dem er stand, lief dank der akkurat angeordneten Besuchergruppen keilförmig auf ihn zu. Eine ebenso häufig verwendete Einstellung brachte es an den Tag. Die Halbtotale zeigte achtmal die Männer und Frauen an der rechten, jene an der linken Wand und die elfköpfige Kinderschar zu Christian Wulffs Füßen. Zweimal schließlich wurden aus den Besuchergruppen Teilmengen herausgehoben: Zuwanderer beziehungsweise Soldatinnen mit Soldat.
Alle – um ein Lieblingswort Wulffs zu zitieren, es fiel in verschiedenen Varianten zehnmal –, alle sollten sehen: Hier steht einer an der Spitze eines Volksdreiecks, das auf ihn zu läuft und das er sich erkoren hat. Das Fundament am Boden bildeten elf Kinder, eines im Krabbelalter. Alle waren sie stumm, bis auf ein weiteres Baby auf den Armen einer blonden Frau, die das Kleinkindkarree abschloss und als Bindeglied zum Block der Erwachsenen an der linken Seite fungierte. Dort hatte Bettina Wulff Aufstellung genommen, gemeinsam mit dem dreieinhalbjährigen gemeinsamen Sohn Linus. Auch sie und auch er reihten sich ein in das herbeigerufene Volk. Auch sie sollten die „offene Gesellschaft“ repräsentieren, für die Christian Wulff sich ebenso zu Recht einsetzt, wie er „Fremdenhass, Gewalt und politischen Extremismus“ verurteilt. Hier aber sind die Menschen stumme Staffage, gedungene Gesichter, Jubeldeutsche.
Den König, das weiß jeder Schauspieler, spielen immer die anderen. Darum bestellte Wulff sich eine lebende Kulisse in den Palast. Die Menschen aller Stände, allen Alters, aller Herkunft mögen tatsächlich „auf ganz unterschiedliche Art und Weise für andere da“ gewesen sein und sich so die zweifelhafte Ehre verdient haben. Der Effekt ist entscheidend, dem Effekt diente alles. Die stummen Gäste sollten Christian Wulff jene Aura des Souveränen verleihen, die sich bei ihm sonst nicht einstellen will. Sie sollten zeigen, dass hier einer redet, dem man nicht widerspricht, dem man einfach zuhört, weil er es will.
Nur das Baby hielt sich nicht daran und sorgte für ein Novum. Fast die gesamte Passage über Europa als Hort „der Freiheit, der Menschenrechte und der sozialen Sicherheit“ unterlegte es mit Säuglingsgeschrei. Auch danach ließ es sich den Mund nicht verbieten. Kinder und Tiere, weiß ebenfalls jeder Schauspieler, sind unschlagbare Sympathieträger. Christian Wulff zitierte das Baby ins Schloss, es enttäuschte ihn nicht. Werden wir bei der nächsten Weihnachtsansprache auf eine Katze schauen, die schnurrt zwischen Standarte und Baum und der ein Präsident zärtlich den Nacken krault?
Wulff missversteht das Amt
Die vielen Neuerungen des ehrwürdigen Formats – Volk zu Besuch, Kinder krabbeln und geben Laut, die Gattin führt den Sohn der Kamera zu – fügten sich in Christian Wulffs Auftrag, ein neues Deutschland zu repräsentieren. Ganz altbacken, hölzern, maximal uncool war aber der Vortrag der schlichten Sätze. Christian Wulff setzte eigenwillige Betonungen und Pausen, rettete sich von Einstellungswechsel zu Einstellungswechsel, indem er mal die Fäuste ballte und mal die Daumen drückte, mal abgebrochene Halbkreise beschrieb und mal den Kopf ruckhaft aus der schnurgeraden Senkrechten nach links riss. Mehr Einfall war nicht. Leidenschaft heißt das Gegenteil.
Die vielen subjektiven Überwölbungen, mit denen Wulff das Präsidentenamt modernisieren will, zeigen, dass er dieses Amt missversteht. Im Bestreben, ein Präsident auf Augenhöhe zu sein, überhöht er sich und erniedrigt das Amt. Wir sahen ein Paar, das auf Bellevue lebt und sich gerne Gäste einlädt. Wir sahen keinen Präsidenten, der einem verunsicherten Land Zuversicht vermittelt, Orientierung gibt. Keinen Mann, der weiß, dass seine Aufgabe die Stellvertretung ist. Darum endete das Abdankungsvideo mit einer winzigen Sekunde der Wahrheit: mit dem todtraurigen Blick Christian Wulffs vor weihnachtlicher Kulisse. Da war keine Hoffnung. Es war vorbei.
Leserbriefe
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Tolles Szenario! Perfekt wiedergegeben. Das Fazit: toll!
Gefehlt hat nur eines, das unbedingt werwähnt werden muss: Die Kinderbuchempfehliung “Irgendwie anders” . Moralische Rappelkiste a la Wulff.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass andere Bundespräsidentenansprachen der Vergangenheit “besser” gewesen sein sollen. Also kann ich nicht erkennen, warum der Autor diese hier zugegebenermaßen gekonnt seziert und sie so zu etwas besonderem “herbeischreibt”.
Ich kann WMKW nur beipflichten!
Vielleicht lieber Alexander Kissler ist es einer jener Fehler, die Wulff begangen hat, dass er nicht alle jene Besserwisser und Spin-Doktoren (und zu denen zähle ich auch Analysten Ihrer Kategorie- also durchaus brillant!) vor die Tür gesetzt hat.
Vermutlich ist es die Tragik einer medialen Demokratie, dass das Scherbengericht immer schon bereitet ist und dass die Analysten für den Auftritt den Analysten nach dem Auftritt erheblich ähneln.
Vermutlich erleben wir z.Zt. nicht so sehr den Abtritt nur eines Bundespräsidenten als mehr eine Illustration der Behauptung jenes chines. Regierungspolitikers, der darauf hinwies, dass es erstaunlich sei, dass die Demokratien keine stabile Wirtschaftlichkeit garantieren können (und auch- so möchte man hinzufügen- nicht in der Lage sind, sachorientierte Politik zu liefern).
Ich habe mir auch die Ansprache angesehen und glaubte zu erkennen das unser Bundespräsident den gleichen panischen Gesichtsausdruck hatte, wie die Angeklagten am Volksgerichtshof Hitlers. Sie haben eines gemein, sie sind Chancenlos. War es früher die bigotte Parteitreue der Staatsanwälte und Richter, ist es Heute die Auflagengeilheit der Journalisten.
Ich möchte hier jetzt nicht aufzählen welche dringenden Probleme wir in Deutschland haben, gegen die der Wulff Kredit ein Nichts ist, denn das würde Tage dauern.
Was macht eine gute Presse aus? Zu gerne hauen die intellektuell angehauchten auf die Bild, mit recht, doch wo bleibt der Unterschied wenn es darauf ankommt? Vieleicht haben sie im Internet Zustimmung, aber nicht bei den Leuten die ihre Zeitung noch täglich lesen.
Wird Bundespräsident Wulff wegen seinem verschwiegenen Privatkredit zurücktreten?
http://graph.me/p163781245/q
Ja, ich empfinde es auch so, dass Herr Wulff seine Amt für private Zwecke und für seine private “Freundes”-Schar in hohem Maße mißbraucht. Sein Weihnachtsauftritt gehört ins Dinsny-Land, er selbst auch. Einen solchen Möchtegernschößling empfinde ich als sehr peinlich, sowohl für mich persönlich als auch für D. Die Frage ist, wozu wir überhaupt einen Herumreisespräsidenten benötigen ? Die Arbeit machen doch ohnehin die anderen. Auch die Fotos im Internet über die jüngste Reise des Präsidenten mit seiner hübschen Frau zeigen mehr dessen Freude, auf unsere Kosten in der Welt herumreisen zu dürfen als sie einen Zweck beschreiben.
yedridi