Der Debatten-Auslöser von Frank Schirrmacher wurde natürlich von vielen Seiten kritisiert. Auch von Jan Fleischhauer vom „Spiegel“, den ich sehr schätze und der auf The European schon kolumniert hat. Von daher sehe ich mich veranlasst, auch in dieser Woche noch einmal etwas zur Frage zu schreiben „Hatten die Linken nicht doch recht?“
Zum einen habe ich diese Frage rhetorisch verstanden als Zuspitzung der Ratlosigkeit im bürgerlichen Lager: Alles, was uns in den vergangenen drei Jahren an Finanzmarkt-Unbilden widerfahren ist, haben wir nicht in dieser Dramatik vorhergesehen. Wir haben weder das Wissen noch die Sprache, den Finanzmarkt zu umzäunen und zu zähmen. Mehr als „Monster“ haben wir in der Tat nicht hervorgestammelt. Da hat Frank Schirrmacher recht.
Linke Sozialkunde-Lehrer ohne theoretischen Unterbau
Wir haben, und diesen Gedanken hatte Botho Strauß in ähnlicher Form jüngst in der „FAZ“ geäußert, in diesem Land Unsummen für politische Bildung ausgegeben. Zu Recht! Wir, also weite Teile der Bevölkerung, können menschenverachtende oder populistische politische Aussagen, Utopien und Gruppierungen erkennen und enttarnen. Nicht so, wenn es um die Wirtschaft, die Prozesse des Wirtschaftens oder die Finanzwelt geht.
Sie glauben doch nicht im Ernst, dass meine linken Sozialkunde-Lehrer, die mich zu unterrichten am humanistischen Rudi-Stephan-Gymnasium in Worms die Ehre hatten, uns solide eingeführt hätten in die Grundlagen des Wirtschaftens. Globalisierung als Phänomen wurde auf einem ideologischen Raster betrachtet und bewertet, bar jeder Sachkenntnis. Wir brauchen ein Schulfach Ökonomie, um gegen die scheinbar unumstößlichen Narrative der Finanz- und Wirtschaftswelt immun zu werden beziehungsweise, um sie verstehen zu können.
„Lesen Sie Marx!“
An dieser Stelle möchte ich Botho Strauß das Wort geben: „Schumpeter, Eucken, Müller-Armack, von Mises, erst recht Keynes und Friedman gehören nicht nur zur Theorie-Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, im Vergleich zu anderen Denkern, Historikern oder Philosophen nahmen nicht wenige auch einen erheblichen Einfluss auf die Politik und das soziale Leben .“ Die Theoretiker und Denker der Wirtschaft und des Marktes sind ähnlich bedeutend wie Rousseau, Locke und Voltaire für das Staatsdenken der Moderne. Wie kommen wir in unserem Ethik-, Politik-, Sozialkundeunterricht so ganz ohne sie aus?
In einem Streitgespräch mit einem linken Print-Kollegen, den ich sehr schätze, musste ich mehrfach die Entgegnung auf meine Kolumne vergangene Woche hören: „Lesen Sie doch nach! Das steht so alles schon bei Karl Marx!“ Gut. Danke für den Hinweis auf das Quellenstudium. Für mich ist das genauso, als wenn fromme Muslime aktuelles Weltgeschehen deuten, indem sie sagen: „Das steht alles schon so im Koran.“ Es mag sein, dass einige der Gedanken von Karl Marx nichts an Aktualität verloren haben. Gleichwohl folgt die Geschichte aber nicht einem bestimmten Plan. Denn am Ende, so wissen wir, stand nicht und wird nie stehen der Sieg des Proletariats. Der übersteigerte Verweis auf Quellen – religiöse, quasi-religiöse und nicht-religiöse – führt in Tyrannei und nicht zu Erkenntnisgewinn. Siegesgeheul aufgrund konservativer Versuche einer Neuverortung, einer Selbstvergewisserung ist daher absolut fehl am Platze.
Dem Guten dienen!
Und noch was: Ich habe mir erlaubt, vergangene Woche darauf zu verweisen, dass Wirtschaften und Moral in einem Zusammenhang stehen. Auch dafür wurde ich auf The European von Stefan Gärtner heftig kritisiert. Ich habe dazu das Brecht-Diktum „Erst das Fressen, dann die Moral“ umgedreht. Natürlich sei das der Trick der herrschenden Klasse, meint Gärtner, um die Geknechteten dieser Erde in Moralin und Vorgaben zu ertränken, die die Besitzenden selbst nicht einzuhalten gewillt sind.
Ich meinte an der Stelle in meiner Kolumne, lieber Kollege Gärtner, nicht die christliche Moral, für die man das Wirtschaften passend machen müsste. Ich meinte, dass das Wirtschaften selber, die Finanz selber Werten verpflichtet sein soll, weil sie eigentlich dazu da ist, Werte zu schaffen. Eine Ethik des Wirtschaftens bedeutet, dass die Prozesse und Maßnahmen des Wirtschaftens selbst Kriterien zugrunde legen, die dem Guten dienen.
Wie leben ohne die zweite Fabrik?
So – und nun komme ich dazu, was das mit Linken und Rechten gleichermaßen zu tun hat: Unser Wirtschaftssystem geht von immer mehr Wachstum aus. Warum? Weil im Wettbewerb mit der globalen Konkurrenz der obsiegt, der effizienter arbeitet. Effizienter bedeutet mit mehr Maschinen, in jedem Fall mit weniger Menschen. Um diese aus dem Raster fallenden Menschen aufzufangen, muss, um es im Bilde zu sagen, eine zweite Fabrik gebaut werden, um diesen Menschen wieder Arbeit zu bieten. Geben wir diesen Wachstumsbegriff auf, kollabiert der Sozialstaat – den in Deutschland SPD wie CDU nicht abschaffen wollen. Also, meine Freunde des linken Spektrums: Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten!
Wir müssen diesen Wachstumsbegriff aufgeben, weil die Ressourcen der Erde knapp werden. So einfach ist das. Wen die Linken also mit dem Siegesgeheul fertig sind und die Konservativen die vollgerotzten Flenntücher weggelegt haben, können wir ja mal anfangen, das Problem zu lösen. Die Zeit läuft davon.
Leserbriefe
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“Wir brauchen ein Schulfach Ökonomie…”
Vermutlich hilft es den Schülern mehr, Freiraum zur Entwicklung des Denkens in ihrer Schulbildung zu haben. Dieser wird nämlich zunehmend gestrichen, um die Zeit mit “Besorgnisfächern” zuzukleistern. Irgendwie erinnern mich diese ganzen Debatten an den Mechanismus: Vater rennt blöde in ein Loch, Kinder müssen nun präzise alles über dieses Loch wissen und fallen dann folgerichtig irgendeinen Abhang hinunter. Dabei hätte es gelangt, dass Vater sehen gelernt hätte! Einfaches eigenständiges Denken reicht und dieses lässt sich mit einem mittleren Grundkanon in der kritischen Auseinandersetzung entwickeln! Und einfaches Denken ergibt bspw.logisch, dass Handeln u. Verantwortung in einem notwendigen Nexus stehen müssen, dass also " Wirtschaften und Moral in einem Zusammenhang stehen". Nebenbei eine asymmetrische Beziehung: Moral ohne Wirtschaft geht, Wirtschaft ohne Moral nicht.
Lieber Alexander Görlach, Sie führen Rousseau und Locke an- meinen Sie, dass das heute in der Schule noch Platz findet? Es wäre ja nur zu wünschen.
Es braucht selbstständig denkende Menschen, das heißt auch: eine Gesellschaft, die es erträgt, dass es Außenseiterpositionen des Denkens gibt (wir erleben da ja eher zunehmend das Gegenteil: Extreme werden als Extremismus stigmatisiert; “nur die Mitte der Masse ist heilig”).
Hat die Linke Recht? Marx ist meines Wissens fachlich in Vielem ökonomisch widerlegt (ideolog. ist das etwas anderes).
Haben die Konservativen Unrecht? Ganz sicher haben viel zu Viele dem Liberalismus nur gläubig nachgeplappert. Außerdem ist ein Problem des “Konservativen”, dass nicht klar ist, was sie bewahren wollen: ihren materiellen Status?, Werte?, den gesellschaftl. Status Quo? … . Allein diese 3 Punkte passen meist schon nicht in einen Trog. Und so versteckt sich hinter der Etikette des Konservativen häufig eine Melange aus Lug und Trug, quasi Etikettenschwindel.
Haben die Linken Recht? Manche Ideologie hat zeitweise höheren Wahrheitskontakt- in diesem Sinn: ja.
@ A. Görlach: “Weil im Wettbewerb mit der globalen Konkurrenz der obsiegt, der effizienter arbeitet.” ….Unter ausgebildeten Ökonomen (dazu zähl´ ich) gibt es das Wort “effizienter” nicht. Vorgänge, Abläufe, etc. sind effizient oder eben nicht. Nur so als Hinweis, wo wir schließlich beim Thema Schulfach Ökonmie sind.
Ansonsten stimme ich Ihnen zu. Nur, wo sollen Sie dann hin, die Soziologen und Politologen, die, wenn sie während ihres Studiums VWL/BWL als Nebenfach gewählt hatten, im Regelfall binnen kürzester Zeit an der Hürde “Mathematik” gescheitert waren ? (Nachher hieß es dann übrigens meist: …elitärer Haufen, diese Wirtschaftswissenschaftler..arrogant..nichtselten wurde dann als neues Nebenfach “Sozialpsychologie” gewählt..auch schön….) Schauen Sie sich an, welche Berufsgruppen in den einzelnen Parteien überrepräsentiert sind und es eröffnet sich von selbst, weshalb in einem bestimmten politischen Spektrum die Stimme für Sozialismus/ Kommunismus erhoben wird. Es sind schlicht fehlende Kentnisse über ökonomische Zusammenhänge, als auch der Unwille, sich ernsthaft mit wirtschaftlichen Themen auseinander zu setzen, die speziell der Linken in Krisenzeiten Zulauf bescheren. Eine Auseinandersetzung mit eben jenen Themen würde nämlich nicht selten eine Abkehr von irrigen Positionen bedeuten…aber wer verabschiedet sich schon gerne und freiwillig von seinen Lebenslügen.
Lieber Alex, ich nehme an, dass ich der linke Print-Mann, der Ihnen sagte, das stehe alles so bei Marx. Bei Marx steht auch das, was Sie im letzten Absatz schreiben, und was ich Ihnen bei unserem “Streitgespräch” bei Borchardts erkläuterte. Und zwar unter der Rubrik “tendenzieller Fall der Profitrate”. Was ja nur heißt, dass Marx, wie seine Lehrmeister Adam Smith und David Ricardo, und anders als die Pessimisten Thomas Malthus (Christ und Erfinder des Sozialdarwinismus nocht vor Darwin) und Ferdinand Lassalle (Erfinder des “eisernen Lohngesetzes”, demzufolge die Arbeiter immer mehr verarmen müssen) Wachstumstheoretiker war. Ich finde es absurd, gerade jetzt, wo mit dem Aufstieg Chinas und Indiens der Kapitalismus seine größten Triumphe feiert, Hunderte Millionen Menschen aus der Armut reißt und beweist, dass Wachstum in bisher nicht einmal angedachtem Ausmaß möglich ist, Sie (und wohl auch Schirrmacher) nun dem Wachstum eine Absage erteilen. Wachstum muss weder bedeuten, dass die Ressourcen der Erde weiter verbraucht werden (siehe Wachstumsbranche Windenergie, Wachstumsbranche immer kleinere Computer, Wachstumsbranche Dienstleistungen für ältere Menschen usw. usf.), noch bedeuten die gegenwärtigen Krisenerscheinungen im amerikanischen und europäischen Finanzsektor, dass es mit dem Wachstum in industriellen, handwerklichen und Dienstleistungssektor vorbei ist. Wohl heißt es, dass die Zeiten, in denen die USA auf Pump lebten und wir (auch) davon lebten, ihnen unsere Autos, Waschmaschinen usw. zu verkaufen, vorbei sind – und zwar gerade deshalb, weil China und Indien wachsen. Wohl heißt es, dass wir nicht eine neue Moral brauchen, sondern neue Strukturen. Zum Beispiel eine echte Marktwirtschaft im Bankensektor statt Institutionen, die “too big to fail” sind. Das sind übrigens keine “linken” Lösungen, auch wenn die Analyse sich der Erkenntnisse eines Linken bedient. (Falls man Marx wirklich als links bezeichnen mag.) Die Medizin ist nicht weniger Markt, wie die Linke meint, sondern mehr.
@na und?
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Die heutigen Ökonomen kommen mir vor wie Goldgräber, sie suchen immer noch nach dem unendlichen Wachstum, obwohl schon der gesunde Menschenversdtand ausreicht um zu erkennen das es diesen nicht gibt. Dieses krampfhafte Festhalten am Wachstumsgedanken zeigt das die Ökonomie am Ende ihrer Weisheit ist. Es geht doch nicht darum wer Recht hatte, sondern um die Weiterentwicklung der Species Mensch. Müssen wir dazu auf längst verschiedene Denker zurückgreifen? Anscheinend ja. Denn wir, und hier gehe ich mal von Deutschland aus, haben längst verlernt unserer Politik und Wirtschaft klar zu machen wer hier alles erwirtschaftet. Seit nun mehr 30 Jahren haben wir den aufrechten Gang verlernt und kriechen nur noch vor uns hin in der Hoffnung auf ein Allmosen. Dabei ist die Macht und das Recht doch auf unserer Seite. Aber der Deutsche Michel verzichtet darauf, aus Bequemlichkeit.